(Eingangslesung: 2. Mose 14,10-31, Predigttext: Markus 6,45-54)

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott unserem Vater und dem Herrn Jesus Christus. Amen.

Darf ich Euch zu Anfang zwei Fragen stellen? Die erste: Meint Gott es gut mit uns? Und die zweite: Wie schnell könnt ihr rennen? Oder genauer: Könnt ihr über Wasser laufen?

Mit beiden Fragen wollen wir uns heute beschäftigen. Kurz zur zweiten Frage: Könnt ihr über Wasser laufen? Der schnellste Mensch der Welt kann es nicht! Das ist seit Usain Bolt. Er ist die 100 Meter in 9,58 Sekunden gerannt. Fast 45 Stundenkilometer schnell. In einem Heftchen hab ich mal über die Oberflächenspannung von Wasser gelesen. Dass man sie mit 72 Stundenkilometern überwindet. Mit 72 Sachen könnten wir über Wasser rennen. Das schaffen bestimmte Tiere. Aber nicht wir Menschen. Nicht einmal Usain Bolt, der schellste lebende Mensch der Welt.

Immer wieder lesen wir aber von Jesus, wie er Naturgesetze durchbricht. Letzte Woche die Sache mit den Broten und Fischen. Heute haben wir schon gehört, dass er auf dem Wasser geht. Aber das ist fast nur eine Nebensache. Die wichtigere Frage heute ist, ob Gott es eigentlich gut mit uns meint. Und wenn ihr nichts aus der Predigt mitnehmt, dann doch die Antworten auf den Bildschirmen zusammen mit dieser Frage:

Meint Gott es gut mit uns? 

0. König Jesus versorgt: Markus 6,30-44 (4.10.)

Wie gesagt kommen wir von der wundersamen Speisung letzte Woche. Hier war es um Vertrauen gegangen: Jesus war belagert gewesen. In Nordisrael hat er gepredigt und geheilt. Jetzt wollte er sich mit seinen Jüngern endlich mal zurückziehen. Mit dem Boot über den See. Aber unzählige Bedürftige und Neugierige waren schon wieder hinter ihm her. Und auch da haben sie Jesus wieder zugehört. Mitten in der Pampa. Bis der Abend sie einholt. Und dann hat Jesus sie versorgt. 5.000 Leute mit gerade mal 5 Broten und 2 Fischen. Das hat schon daran erinnert, wie Gott selbst sein Volk beim Auszug in der Wüste versorgt hat. Mit Wachteln und Manna. Ein übernatürliches Wunder!

0. König Jesus versorgt ganz im Gegensatz

zum „Slackline“ König Herodes: Markus 6,14-29 (29. September)

Und wie sehr steht diese Party von König Jesus mit den Bedürftigen doch im Gegensatz zur Party von König Herodes mit den Mächtigen, die Johannes den Kopf gekostet hat. Unser Thema hier vor zwei Wochen. Ihr erinnert Euch vielleicht an die drei Lügen, denen Herodes auf der „Slackline“ aufsaß: 1. Gott ist ein mieser Fehlerzähler 2. Es gibt keinen Ausweg mehr! und 3. Es ist immer das Schlimmste

1. König Jesus betet für seine Leute (Markus 6,45+46)

45 Gleich darauf nötigte Jesus seine Jünger, unverzüglich ins Boot zu steigen und an das gegenüberliegende Ufer Richtung Betsaida vorauszufahren. Er wollte inzwischen die Leute nach Hause schicken. 46 Nachdem er sich von der Menge verabschiedet hatte, stieg er auf den Berg, um zu beten.

Jetzt schickt Jesus seine Jünger weg. Mit höchster Dringlichkeit, Vers 45. Sie sollen den See an seiner längsten Stelle überqueren, vom äußersten Norden in den äußersten Süden.

Auch das erinnert ein wenig an Mose. Erinnert Euch an die Lesung: Gott schickt das Volk nach dem Auszug aus Ägypten ins Wasser. Nach der Rettung durchs Schilfmeer steigt Mose dann auf den Berg. Um Gott zu begegnen. Die Jünger rudern also los. Und Jesus schickt die gesättigten Leute weg, die sich vorher nicht haben abwimmeln lassen. Jesus will auf den Berg steigen. Sich mit Gott treffen. Allein!

Markus erwähnt eigentlich nur dreimal ausdrücklich, dass Jesus betet. Und das tut er immer dann, wenn eine Krise naht: Am Ende im Garten Getsemane: Vor seiner Kreuzigung. Ganz am Anfang in Kapernaum: Bevor es zum ersten Mal mit den Pharisäern knallt. Und jetzt hier.

2. König Jesus fordert seine Leute heraus (Markus 6,47)

47 Bei Einbruch der Dunkelheit war das Boot mitten auf dem See und Jesus allein an Land.

Eigentlich scheint es noch gar nicht so dramatisch. Die Jünger haben gut gegessen. Zum Feierabend in Gemeinschaft noch 20 km rudern. Profis machen das heute in einer Stunde, geübte Fischer brauchen dafür vielleicht etwas länger. Als es dunkel wird, haben sie immerhin die Seemitte schon erreicht. Vielleicht noch ein Stündchen, dann sind sie am Ziel. 

Aber jetzt setzen fiese Fallwinde ein. Und die Jünger kommen nicht mehr vorwärts. Von der Dämmerung bis zur letzten Nachtwache, vielleicht 6 bis 8 Stunden lang. Wie sie sich wohl gefühlt haben? Mit ihrem Auftrag, abends noch lauschig über den See zu fahren? Und obwohl es dunkel ist und Jesus nicht direkt dabei ist, kann er sie sehen. Er sieht, wie sie sich abmühen. Stundenlang. Und Jesus schaut zu, greift aber nicht ein.

Auch wir fühlen uns manchmal von Jesus alleingelassen. Wir kämpfen vielleicht gerade mit den Corona-Beschränkungen. Auch hier in der Gemeinde. Damit, dass junge Familien zurzeit eher zu Hause bleiben, nicht zum Beten zusammenkommen. Dass wir nicht ohne weiteres im Gemeindehaus zusammen Essen und Gemeinschaft haben können. Bei Manchem kommt die Frage hoch, ob da nicht irgendeine Macht uns ganz gezielt unsere Freiheiten raubt. Winde stehen gegen uns. 

Vielleicht wissen wir nicht, wie das mit unseren Jobs weitergehen soll. Oder mit unserem Land, mit Europa und der Wirtschaft. Mit einem psychisch angeschlagenen Sohn, dem Corona zusätzlich wehtut. Mit verzweifelten Eltern. Oder mit der eigenen Gesundheit. Und Jesus greift nicht sofort ein. Er sieht zu, wie wir uns abmühen.Nicht nur ein Stündchen, sondern eine halbe Ewigkeit lang.

Meint Gott es also gut mit uns?

3. König Jesus sieht mich - und kommt zu mir (Markus 6,48-50a)

48 Er sah, wie sich seine Jünger beim Rudern abmühten, weil sie gegen den Wind ankämpfen mussten. Im letzten Viertel der Nacht kam er dann zu ihnen. Er ging über den See, und es schien, als wollte er an ihnen vorüberlaufen. 49 Als die Jünger ihn auf dem Wasser gehen sahen, meinten sie, es sei ein Gespenst, und schrien auf, 50 denn alle sahen ihn und wurden von Furcht gepackt.

Aber Jesus sieht, was mich umtreibt. Auch wenn ich ihn im Dunkel vielleicht nicht mehr sehen kann. Er sieht mich, während ich kämpfe. Und ja, er greift oft nicht sofort ein. Scheint nur zuzuschauen. Bei den Jüngern 6 bis 8 Stunden lang. Mit Corona jetzt schon seit 6 Monaten.

Einer unserer Söhne kam mit einem schweren Hüftschaden zur Welt. Schon im Babyalter Krankenhausaufenthalte. Spreizhose. Zwei Monate im Gips. Dann jedes Jahr Untersuchungen in Ulm. Gott hat Liezl und mich rudern lassen. Und unseren heranwachsenden Sohnemann.

Es ist Nacht. Die Jünger rudern. Kämpfen einen ausweglosen Kampf. Und dann kommt Jesus. Wir könnten meinen es wäre alles gut. Aber genau im Kommen Jesu zeigt sich jetzt die schon erwähnte Krise: Jesus läuft auf dem Wasser. Und er ist dabei, an ihnen vorbeizulaufen. Wie Gott seinerzeit an Mose und Elia vorbeigelaufen ist. Damals war Gott nicht im Sturm, nicht im Erdbeben und nicht im Feuer. Er war im sanften Sausen. Mose und Elia haben ihren Gott erkannt. Als er an ihnen vorbeigelaufen ist.

Die Jünger hingegen halten Jesus für ein Gespenst. Einen Geist. Ich will da ganz ehrlich sein: Wenn ich mitten in der Nacht mit 11 Freunden auf dem ähnlich großen Starnberger See festsäße. Und es käme ein Sturm auf. Der uns dort, mitten auf dem See festsetzt. Und dann würde eine Gestalt auf dem Wasser am Boot vorbeilaufen. Ich hätte die Hosen gestrichen voll! Und von Siegmar weiß ich, dass ihn Furcht packen würde. Und Christian würde vielleicht analysieren aber ebenfalls richtig erschrecken. Und ein Freund, dessen Name ich jetzt nicht nenne, würde von uns allen sein Entsetzen vielleicht am geschicktesten überspielen. Er könnte das Entsetzen aber sicher auch nicht ganz verbergen. Ob wir in der Situation dann Loblieder singen würden? Oder ob die von uns, die nicht so gerne singen, Gott mit ihren nüchternen Stimmen preisen würden?

Letztes Jahr waren wir mit unserem Sohn wieder einmal in Ulm. Die Ärzte waren völlig überrascht. Eine Heilung statt einer schweren Hüft-OP! Wir waren zwar dankbar. Aber auch skeptisch. Und verwirrt. Was war das alles? Meint Gott es wirklich so gut mit uns? Oder kommt das dicke Ende erst noch?

4. Gott war, ist und bleibt der Gleiche – mit mir im Boot (Markus 6,50b-51)

Sofort rief Jesus die Jünger an: "Erschreckt nicht! Ich bin‘sHabt keine Angst!" 51 Dann stieg er zu ihnen ins Bootund der Wind legte sich.

Und genau in diese Situation hinein sagt Jesus ein paar ganz einfache Worte, Vers 50: „Erschreckt nicht! Ich bin’s! Habt keine Angst!“ Und wie um das zu unterstreichen, steigt er ins Boot und der Wind ist plötzlich still.

Dieses „Ich bin’s“ kommt so unscheinbar daher. Und wir haben gesehen, dass Markus hier immer wieder auf Mose zurückgreift: Wie war das nochmal mit Mose vor dem brennenden Dornbusch? Ein Busch, der nicht verbrannte. Wie hat Gott sich dem Mose nochmal aus dem Busch vorgestellt? ||: "ayer ashar ayer" :|| Und das ist gar nicht so leicht zu übersetzen. Es kann nämlich heißen „ich bin“. Oder „ich war“. Oder „ich werde sein“. So kommt es bei Mose zu der komischen Übersetzung „ich bin der ich bin“. Bei Mose stellt sich Gott am brennenden Dornbusch also vor als „ich werde auch in Zukunft der sein, der ich schon immer war“. So ist das einfache „ich bin’s“ von Jesus hier die Zusage, dass der ewige Gott unter ihnen ist, zu ihnen ins Boot steigt.

Und so sitzt Jesus auch in diesen Corona-Tagen bei uns im Boot. Ganz real. In der Küche. Im Schulzimmer. Im Büro. Auf der Baustelle. Im Krankenzimmer. In der Arztpraxis. Jesus sieht meine Kämpfe. Und Jesus kommt mitten hinein. Und manchmal dürfen wir sogar erleben, wie Winde sich legen.

5. Zwei Reaktionen auf das „Gott mit uns“ (Markus 6,52-54)

Da gerieten sie vor Entsetzen ganz außer sich52 denn selbst nach dem Wunder mit den Broten hatten sie noch nichts begriffenweil ihre Herzen immer noch verschlossen waren. 53 Sie fuhren hinüber ans Land und legten in der Nähe von Gennesaret an. 54 Als sie aus dem Boot stiegen, wurde Jesus von den Leuten dort gleich erkannt.

Stundenlang haben sie gegen die Winde gekämpft. Dann läuft ihr Meister auf dem Wasser. Und dann sind die bösen Winde weg. Mit einem Fingerschnippen. Ich verstehe die Reaktion der Jünger. Ihre Furcht, ihr  Erschrecken. Ihre Angst verwandelt sich nicht in unbändige Freude. "Hey, der Gott, der Israel aus Ägypten befreit hat, sitzt jetzt in unserem Boot!" "Hey, der Jesus, der vorher 5.000 satt gemacht hat, der versorgt auch uns!" Sondern Vers 51, „ganz außer sich vor Entsetzen“ sind sie. Und weshalb sie entsetzt sind, sagt uns Vers 52 „denn selbst nach dem Wunder mit den Broten, hatten sie noch nichts begriffen, weil ihre Herzen immer noch verschlossen waren“.

Das ist der Grund, weshalb Jesus auf den Berg gestiegen ist, um zu beten. Obwohl Jesus Menschen heilt, von Dämonen befreit und Hungrige satt macht, zweifeln die Jünger immer noch daran, ob Jesus sie versorgt. Obwohl ich so oft schon Gottes Güte erfahren habe. Als 2006 der Blinddarm am Durchbrechen war. Als ich 2009 wegen einer Thrombose fast gestorben wäre. Da habe ich erfahren, wie Gott ganz persönlich auf mich aufpasst.

Und trotzdem, immer wieder die Frage: Meint Gott es wirklich gut mit mir? Versorgt er mich? 2010 habe ich mit einer Herzsache an Gottes Güte gezweifelt. Und 2016 hatte ich Angst, dass uns in England das Geld ausgeht. Die meisten wissen ja, dass wir als Familie berufsbedingt bis 2018 in London waren. Und in dieser Corona-Zeit frage ich mich, ob wir Familie auf den Philippinen wiedersehen werden, ob wirklich Gott noch die Kontrolle hat.

Ich frage mich, wie wir umgehen, mit den Krisen unseres persönlichen Lebens und Dienstes in Gottes Reich. Ist uns klar, dass der „Ich bin“ uns sieht, wenn der Wind gegen uns steht und es um uns dunkel ist? Sind wir voller Vertrauen oder entsetzt, wenn er anfängt, sich in unser Boot zu setzen?

Das zu bedenken und gegen unsere Zweifel zu beten, das gebe ich uns allen als "Challenge", als Herausforderung mit für die neue Woche. Ich nehme das Entsetzen der Jünger als eine Warnung an mich persönlich: Wenn ich die Kontrolle verliere, dann will ich nicht zweifeln ob Jesus es wirklich gut mit mir meint, mich selbst, meine Liebsten und diese Gemeinde wirklich versorgen kann. Und will. Selbst dann, wenn ich mal nicht mehr da bin.

Ich will kein verschlossenes Herz haben. Wie die Jünger. Ich will vielmehr ein offenes Herz haben. Wie die Vielen am Ufer. Die waren nicht dauernd so nah dran an Jesus. Die konnten aber unterscheiden. Zwischen einem König Herodes, der Köpfe abschlägt. Und einem König Jesus. Den guten Hirten, der sich um die seinen sorgt, uns versorgt. Er, der sogar über Wasser laufen kann.

Zum Schluss zurück zu meinen beiden Fragen: Können wir so schnell laufen, dass wir über Wasser gehen können: Natürlich nicht! Meint Gott es aber gut mit uns: Aber auf jeden Fall, das sollte uns heute klar geworden sein!    

Amen.

Und der Friede Gottes des Vaters, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und unsere Sinne in Jesus Christus. Amen.